Die Crux mit dem Calciumhydroxid (1)

Das Original vom 25. Januar 2009 von Donald Becker.

Wir haben es alle an der Universität gelernt.

Die medikamentöse Einlage der Wahl ist Calciumhydroxid.
Nur Calciumhydroxid.
Einzig und allein Calciumhydroxid.

Es gibt Kollegen, die ausser Calxyl et. al. nichts anderes in der Praxis haben und auch keine Notwendigkeit sehen, andere Präparate einzusetzen.

Ich gehöre nicht dazu.

Hier meine Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema:

Auf Grund seines hohen pH -Wertes weist Calciumhydroxid sehr gute desinfizierende Eigenschaften auf.
Aber keinerlei schmerzlindernde Eigenschaften.
Bei einem vorhandenen Entzündungsgeschehen bedeutet dies, dass entzündungsbedingte Schmerzen erst verschwinden werden, wenn nach Ausschalten der Schmerzursache (dafür ist die durchgeführte Wurzelkanalbehandlung bzw. das eingebrachte Calciumhydroxid zuständig) die Selbstheilungskräfte des Körpers das Schmerzgeschehen in den Griff bekommen haben. 
Und das kann erfahrungsgemäß 24 oder 48 oder auch mal 72 Stunden dauern. 
Und das ist der Grund, warum manche Patienten wenige Stunden nach der Behandlung (die Anästhesie hat nachgelassen) eventuell wegen weiterhin vorhandener Schmerzen  die Praxis erneut aufsuchen.
Das möchte ich dem Patienten und mir ersparen.

Will man dem Patienten in kürzerer Zeit von seinen Schmerzen befreien, kann dies eventuell durch  systemisch oder lokal eingebrachte schmerz -oder entzündungshemmende Medikamente geschehen.
Es gibt Therapieschemata, die z.B. eine Schmerzmitteleinnahme des Patienten nach der Behandlung generell als sinnvoll ansehen. 
Ich verfahre so nicht und stelle bei meinen Patienten fest, dass diese nur in Ausnahmefällen Schmerzmittel nach der Behandlung zu sich nehmen, obwohl prinzipiell jeder unserer Patienten die Möglichkeit dazu hätte. 

Ich bevorzuge in den entsprechenden Fällen  lokale Darreichungsformen, also ein Antibiotika- Corticoid – Kombi -Präparat (bei uns Pulpomixine).

Wann ich im Rahmen der Erstbehandlungssitzung welches Material verwende zeigt nachfolgendes Flußdiagramm.

Da „Die Crux mit dem Calciumhydroxid“ 3 Teile umfasst, kommen Teil 2 und Teil 3 gleich mit.

Hier Teil 2 vom 26. Januar 2009

Die Crux mit dem Calciumhydroxid (2)

So um das Jahr 1997 meine ich zum ersten Mal gelesen zu haben, dass Calciumhydroxid in bestimmten Fällen nicht die Wirksamkeit entfaltet, die man ihm zugedacht hat.

Mittlerweile ist das eine Riesendiskussion und unterschiedlichste Parteien werden nicht müde, gebetsmühlenartig entweder die Unwirksamkeit oder die hochaktive Potenz dieses Mittels zu unterstreichen.
Merkwürdigerweise geht bei diesen Debatten niemand daher und hinterfragt, inwieweit das Material an sich oder jedoch vielmehr  seine  jeweilige Darreichungsform beziehungsweise die Art der Platzierung einen möglicherweise entscheidenden Einfluss haben auf die Effizienz der medikamentösen Einlage.

Ich habe Calciumhydroxid im Chemieunterricht kennengelernt.
Und später wieder in der Zahnmedizin als Calxyl rot und blau im Gläschen.

Nimmt man einen Universalindikatorstreifen und testet den pH -Wert des Materials, zeigt sich schnell, dass die bröcklige Masse, die sich innerhalb kurzer Zeit nach Öffnung des Gefässes einstellt, zu mehr oder weniger großen Teilen nicht mehr aus CaOH2 als wirksame Substanz allein, sondern auch aus einem nicht unbedeutenden Anteil CaCo3 besteht, weil eine Reaktion mit den Bestandteilen der Umgebungsluft stattfindet. Jeder von uns kennt diese bröcklige Masse, die über Monate  im Gläschen dahinvegetiert.

Die Folge – kein PH -Wert von 12, sondern ein deutlich neutralerer.
Die Wirksamkeit des Materials ist nicht mehr in ihrer vollen Form gegeben. So hatte ich es mit meinen Kenntnissen aus dem Chemieunterricht auch erwartet.

Die Konsequenz daraus: Das CaOH2 selbst anmischen, um damit immer frisches Material zur Verfügung zu haben.

Dies geht zu Lasten die Röntgensichtbarkeit (die nicht mehr gegeben ist, sofern man nicht Bariumsulfat noch zumischt (hab ich nie getan, kann man mit leben, wenn´ s wirkt)).

Ein weiteres Problem bleibt.

Die Frage der Applikation.

Ganz gleich, ob Lentulo, Micro Mega Füllspirale oder EZFill – Spezial – Lentulo.

Haben Sie schon mal Röntgtenbilder gemacht nach Applikation von CaOH2 ? Sie werden möglicherweise erstaunt sein darüber, wie wenig das Material in all die Bereiche vorgedrungen ist, die es ausfüllen soll.

CaOH2 erzielt seine Wirkung nämlich, dass wissen wir heute, vor allem bei direktem Kontakt mit den Bakterien.
Und in vielen Kanälen, in denen das Material lediglich das koronale Drittel ausfüllt, ist dies eventuell nur unzulänglich gegeben.

Warum also wirkt also das Material im Einzelfall nicht ? 
Weil CAOH2 an sich unwirksam ist ?
Kann ich nicht glauben, denn ich habe schon einmal eine Weichteilnekrose (nach Calciumhydroxidapplikation in das periradikuläre Gingivagewebe auf Grund einer vorhandenen Perforation) gesehen.
Was innerhalb von wenigen Sekunden im Zahnfleisch seine Wirkung deutlich sichtbar hinterlässt, dass killt auch Bakterien.

Oder ist CaOH2 scheinbar unwirksam, weil die Voraussetzungen nicht gegeben sind, dass es wirken kann ?

Jetzt die gute Nachricht. 
Mit der Markteinführung von Ultracal XL (Ultradent) hat sich, die Wirksamkeit betreffend, etwas  entscheidend zum Guten gewendet.

In der Ultradent – typischen Applikatorspritze steht ein röntgensichtbares und dauerhaft pH -Wert beständiges Material zur Verfügung, dass in seiner Konsistenz so dünnfließend ist, dass es mit feinen Applikationskanülen eingebracht werden kann.

Von der  Tiefe des Kanals bis zum Kanaleingang ist es damit möglich, das Material zu applizieren.
Ein inniger Kontakt mit dem zu desinfizierenden Kanalinhalt ist damit gegeben.

Von den beiden abgebildeten Kanülen Navi Tip (blau) und capillary tip (purpur) verwenden wir fast immer die zweitgenannte weniger zur Verstopfung neigende Kunststoffkanüle.

Und hier folgt Teil 3 vom 30. Januar 2009. Ebenfalls von Donald Becker.

Die Crux mit dem Calciumhydroxid (3)

3 Knock Out – Facts zu selbst angemischtem Calciumhydroxid:

1. Ich bin vermutlich zu blöd dazu, aber das selbstangemischte Calciumhydroxid lässt sich mit feinen Kanülen nicht applizieren. Die elegante Spritzenapplikation scheidet also aus.

2. Ich habe 1993 eine 500 Gramm Dose CaOH2 von Merk gekauft.
Kostete damals 51 DM.

Weil jemand 10 Jahre später die Dose mit einem Entsorgungsbehälter für Nadeln verwechselt hatte und eine Nadel – Faden – Kombination darin entsorgte, musste ich im Jahr 2004 oder 2005 (die Dose war immer noch 3/4 voll mindestens)   erneut eine solche Dose kaufen.

Die Dose kostete  nun 51 Euro. Preissteigerung in etwas mehr als 10 Jahren 100 Prozent.

3. Die von Siqueira et. al. empfohlene Glycerin Beimischung (er mixte unter anderem CaOH2, Glycerin und CHKM)  zum Calciumhydroxid lässt den pH -Wert deutlich unter 12 absinken.
Insofern steht die  Frage im Raum, ob die von ihm in seiner 1998er Studie beobachtete Wirksamkeit gegenüber Bakterien dem Calciumhydroxid oder dem zum Glycerin zugemischten CHKM zuzuschreiben ist.

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