Made in PRC – Teil 1 bis Teil 5

Ursprünglich in 5 Teilen veröffentlicht von Donald Becker (von wem auch sonst) vom 21. Juni 2010 bis zum 03. Januar 2011.

Teil 1

Bisher hatten wir in der Praxis keine Nachfrage nach Auslandszahnersatz. Bis vor 4 Wochen. Ein Patient, der schon seit langen Jahren zu uns in die Praxis kommt – er ist bei meinem Kollegen in Behandlung, wollte endlich seine Lücken versorgt haben. Er hatte Prospekte von einem Labor dabei, das mit Auslands-ZE und den dazugehörigen Preisen wirbt.

Mit diesem Labor könne er sich seine Wunschversorgung leisten. Im Oberkiefer eine Verblendkrone und vier Teleskope und im Unterkiefer zwei Teleskope.

Dieses Labor hätte auch regelmässige Kunden am Ort, wir sollen uns dort nach der Qualität erkundigen.

Jetzt die Frage: Sollen wir uns auf Auslandszahnersatz einlassen oder nicht?

Das Labor hat mir einen Kollegen vor Ort genannt, der sehr guter Kunde sei. Bei ihm sollte ich mich nach der Qualität erkundigen.

Also hab ich zuerst einmal den Kollegen angerufen:  Er hat bis jetzt eine einzige Krone fertigen lassen – auch auf ausdrücklichen Patientenwunsch.

Die Qualität sei ausreichend, man könne dort seine Arbeiten fertigen lassen, man müsse aber nicht…..

Und: Ein Versandgang dauert 14 Tage. Schneller geht es nicht.

So. Mit diesen Informationen ausgerüstet zum Beratungsgespräch mit dem Patienten. Dieser wurde aufgeklärt darüber, dass

  • wir keine Erfahrung über die Qualität haben, die abgeliefert wird
  • die Fertigstellung viel mehr Zeit in Anspruch nehmen wird
  • bei Retouren jeweils die Sache um weitere 2 Wochen verzögert wird
  • die Arbeit unter Umständen aus Qualitätsgründen mehrmals nachgebessert werden muss
  • die angepriesene hochwertige Goldlegierung KEINE hochgoldhaltige, sondern eine goldreduzierte Legierung sein wird
  • eventulle Reparaturen in der Gewährleistungszeit sehr viel Zeit in Anspruch nehmen werden

Der Patient war sich der Sache bewusst und wollte den ausländischen ZE trotzdem.

Was tun? Machen oder ablehnen?

Was dagegen spricht ist schon aufgeführt, aber gibt es etwas, was dafür spricht?

  • ganz klar der Preis. Nur primär für den Patienten, sekundär aber auch für uns, denn es geht hier um eine Verblendkronerone und 6 Teleskopkronen machen, oder nicht. Denn wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer Kollege – denn der Patient gab unmissverständlich zu erkennen, dass der diesen ZE von diesem Labor zu diesem Preis will. Wenn nicht von uns, dann von einer anderen Praxis.
  • Neugier unsererseits. Wenn wir das mal gemacht haben, wissen wir was Sache ist. Wie gut oder schlecht ist die Zahntechnik aus Fernost? Wenn wir es nicht selber ausprobieren werden wir nicht es aus erster Hand erfahren. So können wir, wenn Anfragen kommen, ruhigen Gewissens abwinken oder zustimmen.

Um es kurz zu machen, die Neugier hat gesiegt.

Gewissensfrage:

Sind wir unseren Linien, keinen Auslandszahnersatz anzubieten, treu geblieben?

Jein.

Angeboten haben wir ihn nicht, aber wir haben ihn auf Nachfrage auch nicht kategorisch abgelehnt. Wir haben uns nach ausführlicher Aufklärung des Patienten „breitschlagen lassen“.

Nach genau 14 Tagen kam das erste Paket an, die Innesteleskope und die individuellen Löffel für die Sammelabformung.

Wie war die Qualität?

Gut?

Nein.

Schlecht?

Auch nicht.

Irgendwo dazwischen. Ich würde sagen: Ausreichend.

Alles was gekommen ist, war sehr sauber, die Modelle, die ein bisschen Studentenkurs-Flair aufwiesen, die individuellen Abformlöffel und die Primärkronen.

Die Kronenränder waren nicht messerscharf und lagen nicht überall perfekt an, waren aber an keiner Stelle „unterhakbar“. Die individuellen Löffel passten gut.

Bilder anbei.

Teil 2

Nun ist der fertiggestellte chinesische Zahnersatz per Post gekommen.

Wie ist er geworden?

Meiner Meinung nach sieht er aus wie aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Nicht schlecht, aber gut auch nicht. Die Verblendungen sind einfach, ohne Struktur und lieblos, die Präzision Aussen- und Innenteleskop ist „poor“, Friktion stimmt zwar, aber wie lange?

Was war auffällig?

Die anfangs gut aussehenden Modelle haben ein wenig gelitten. Einige Gipsteile sind geklebt worden, ein Gips-Zahn mit Klebewachs fixiert. Transportschaden? Oder runtergefallen, wie es halt mal passieren kann? Wir sind gespannt, ob die Arbeit reingeht…

Wir haben also das erhalten, was wir erwartet haben. Wir haben keine tolle Arbeit erwartet und haben sie auch nicht bekommen.

Wird die Arbeit halten?

Ich glaube ja. Mindestens 2 Jahre, wahrscheinlich länger. Auch wenn mal was daran zu reparieren ist.

Wer macht das dann, wenn die 2 Jahre Gewährleistung abgelaufen sind?

Ich weiss es noch nicht, aber wahrscheinlich der Techniker vor Ort. Gegen ganz normale Bezahlung.

Alles entscheidende Frage:

Würden wir es wieder machen?

Nein. Wenn es irgendwie geht.

Wie es dem Patienten gefällt?

Der hat es noch nicht gesehen, eingesetzt ist die Arbeit noch nicht.

Teil 3

In der Zwischenzeit war der Patient zum Einsetzen da.
Besser: Er wäre zum Einsetzen da gewesen, wenn der ZE gepasst hätte.

Also, neue Abdrücke und wieder über das deutsche Labor nach China.

Nach 14 Tagen war er wieder da, der ZE. Es wurde eine Einprobe bestellt, es wurde aber ein fertiggestellter ZE geliefert. Also keine Einprobe.

Gut.

Fast gut.

Der OK-ZE hat gepasst, der vom UK nicht.

Vielleicht das nächste mal…..

Welche Konsequenzen ziehen wir daraus?

Der (mögliche) deutliche Mehraufwand auf zahnärztlicher Seite wird sich irgendwo in der Kalkulation niederschlagen müssen. Wir, und wahrscheinlich sehr viele andere Kollegen werden nicht bereit sein, schlechtere zahntechnische Arbeiten durch gesteigerten zahnärztlichen Aufwand (mehrere zusätzliche Termine, erneute Abformungen) unbezahlt zu kompensieren.
Somit ist der Preisvorteil des fernöstlichen zahntechnischen Anteils verspielt.

Letztlich wird der Billigzahnersatz aus Billiglohnländern genauso teuer werden, wie vor Ort angefertigter ZE. Zumindest, wenn es um aufwändigere Arbeiten geht.

Hier noch ein paar Eindrücke…..

Teil 4

Der Zahnersatz aus Fernost geht in die finale Phase.

„Wie jetzt?“, werden sie denken „Ist der immer noch nicht eingesetzt?“

Genau. Immer noch nicht eingesetzt.
Letztes mal wollte das Labor nochmals einen Unterfütterungs-Abdruck, da der Impregum-Sammelabdruck nicht alle Schleimhautareale abgeformt hat. Sehen wir anders, aber was soll’s, wir haben’s gemacht.

Letzte Woche meldete sich das deutsche Vertragslabor, sie hätten einen Anruf aus dem ausländischen Labor bekommen, sie könnten den Termin nicht einhalten, da umfassende Änderungen am Zahnersatz vorgenommen werden müssten.

Na, dann wird es ja jetzt passen…..

Eines ist für alle Beteiligten klar geworden:

Sollte sich wieder Jemand in unserer Praxis nach Billig-Zahnersatz erkundigen, werden alle aus tiefster Überzeugung mit einem klaren, deutlichen, herzerfrischenden „NEIN“ antworten.
Und garantiert mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht.

Teil 5

Mittlerweile ist der ZE aus Fernost dann doch eingesetzt. Verspätet. Nochmals. Es kam ein Anruf aus dem Vertragslabor, es täte ihnen fürchterlich leid, aber die Arbeit sei im falschen Flieger und nun in Dubai.

Da fiel es uns wie Schuppen von den Augen: Stimmt! Diese Panne hatten wir noch nicht! Sonst war ja schon alles schief gelaufen.

Jedenfalls kam die Arbeit dann doch noch und wurde nach leichten Korrekturen der Okklusion und Artikulation eingesetzt.

Der Patient kam aber bald wieder. Er wolle die Gaumenplatte im Oberkiefer nicht.
Nach einigen Besprechungen und Aufklärungen, Demonstration der Arbeit im 3D-Programm, mehreren Einproben (alles penibel dokumentiert), hat er plötzlich gemerkt, dass er keine Gaumenplatte will.

Der Bitte, die Gaumenplatte zu entfernen, konnten wir aus verständlichen Gründen leider nicht nachkommen.

Er meinte, dann wolle er sie selber entfernen. Wir haben ihm abgeraten, und ihm erklärt, dass die Arbeit dann kaputt sei. Er hat es uns nicht geglaubt.

Wir haben es jedenfalls dokumentiert.

Sollte er mit zerlegter Teilprothese ankommen werde ich es fotografieren und hier einstellen.

Nachtrag zum 23. April 2021:

Der Patient hatte sich dann doch noch mit dem ZE abgefunden, angefreundet hat er sich nicht. Zerschnitten hat er die Gaumenplatte auch nicht.
Der Zahnersatz ist nach einigen Reparaturen heute noch im Mund.

Fazit nach 10 Jahren:

  • zahntechnische Defizite muss der Zahnarzt auffangen, bzw. nacharbeiten/nacharbeiten lassen um auf eine wirtschaftliche, ausreichende, notwendige, zweckmässige Basis zu kommen. Das kostet Zeit und Geld und kann nur durch ein höheres Honorar kompensiert werden. Ob es der Patient einsieht, dass er, wenn er beim ZE sparen will, dem Zahnarzt mehr bezahlen soll, sei dahingestellt.
  • Gehalten hat der ZE dann doch – mehr oder weniger – schon 10 Jahre. Soo schlecht kann er also nicht gewesen sein. Die wanz-Kriterien hat er somit mehr als übererfüllt. Eine Freude zum Tragen war der ZE sicherlich nicht, eine Augenweide auch nicht.
  • Wäre der gleiche ZE aus Deutschland besser gewesen?
    1. Mit Sicherheit JA. Sobald er aus dem Labor meines Vertrauens gekommen wäre.
    2. Mit Sicherheit NEIN. Wenn er aus irgendeinem zahntechnischen Labor kommt, das rein auf Masse, Geschwindigkeit und Durchsatz ausgelegt ist, und der Behandler dies akzeptiert.

    Kurz: Man kriegt vor Ort deutlich besseren ZE aber auch schlechteren. Aber auch der schlechte vor Ort, wird deutlich teurer sein als der auch China.

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