Mathematiker Gerd Antes: „Big Data führt uns in eine Falle“

Jens Spahn ist der Säulenheilige der großen Koalition.
„Er schafft ’ne Menge weg.“
Lobt die Kanzlerin.
Ein Macher, so sieht es Angela Merkel.
Eine Gallionsfigur des politischen Aktivismus.

Hauptsache „Machen !“
Und in dieser Funktion wohl einer der größte Fans der Digitalisierung des Gesundheitswesens.

Bedenken bezüglich der schwerwiegenden Risiken und Nachteile, die mit diesen Umstrukturierungsprozessen verbunden sind, lässt er nicht gelten. Wischt diese, genau wie sein staatsministerieller Amtskollege Scheuer aus dem Verkehrsministerium (die Vorgehensweise hat Methode) arrogant beiseite.

So antwortet Spahn angesprochen auf mahnende Äußerungen von Ärzten und auf die Frage, warum viele Ärzte in Deutschland Digitalisierung ablehnen: „Hohes Alter, Kränkung, Angst um Job & Verschwörungstheorien, aber die krassen Vorteile überzeugen bald jeden.“

Diese Botschaft der „krassen Vorteile“ ist offensichtlich zum renommierten Wissenschaftler Gerd Antes, langjähriger Leiter des Deutschen Cochran Institutes und einer der Wegbereiter der evidenzbasierten Medizin in Deutschland, nicht vorgedrungen.

Denn Antes, im Gegensatz zu Spahn seit Jahrzehnten mit der Materie Gesundheitswesen vertraut, schreibt im Nachfolgenden in dem mit Andrea Fried geführten Interview des STANDARD:

Mathematiker Gerd Antes: „Big Data führt uns in eine Falle“
Der deutsche Biometriker Gerd Antes steht der Digitalisierung und Kommerzialisierung von medizinischen Daten sehr kritisch gegenüber und warnt vor „Big Errors“

STANDARD: Alle schwärmen von Big Data. Nur Sie wettern dagegen. Warum denn das, Herr Antes?
Gerd Antes: Wir erleben gerade eine Gesellschaft im Datenrausch. Big Data, Digitalisierung und künstliche Intelligenz beherrschen die Schlagzeilen. Manche bezeichnen Daten sogar als das Öl oder Gold des 21. Jahrhunderts. Es wird dabei suggeriert, dass wir mit mehr Daten auch mehr Wissen generieren. Das sagt uns auch unser Bauchgefühl, aber es stimmt einfach nicht.

STANDARD: Warum nicht?

Antes: Big Data ist ein Hype, der uns geradewegs in eine Falle führt. Die Idee dahinter ist, dass man riesige Datenmengen völlig unstrukturiert und unsystematisch durchwühlen kann und dabei auf sinnvolle Zusammenhänge stößt. Das ist wissenschaftlicher Unfug und kann nicht funktionieren.

STANDARD: Welche Fallen meinen Sie?

Antes: Wissenschaftliches Arbeiten bedeutet, dass man mithilfe von Theorie und Daten Hypothesen generiert, die empirisch durch Studien bestätigt oder widerlegt werden müssen. Der Big-Data-Hype steht in krassem Gegensatz zu diesem Erkenntnisprozess. Man tut so, als ob man in riesigen Datenmengen einfach nach Korrelationen suchen kann und diese dann einen Sinn ergeben. Da kommt unglaublich viel Schwachsinn heraus. Das ist wie das Suchen nach einer Nadel im Heuhaufen. Durch Big Data macht man jedoch den Heuhaufen nur noch größer.

STANDARD: Haben Sie dazu ein konkretes Beispiel?

Antes: Es gibt ein Buch mit solchen sinnfreien Zusammenhängen. Beispielsweise, dass der tägliche Käsekonsum von US-Bürgern mit der Anzahl der Bürger korreliert, die sich mit dem eigenen Bettlaken erdrosseln.

STANDARD: Google versuchte, anhand von Suchanfragen Grippewellen vorherzusagen. Das macht schon mehr Sinn, oder?

Antes: Ja, aber es hat auch nur zwei Jahre lang einigermaßen funktioniert. Im dritten Jahr ging es nicht mehr. Es fehlte ein systematischer Zusammenhang. Die ersten beiden Jahre hatten die Forscher einfach Glück.

STANDARD: Sie sagen, dass die Ära der Kausalität verlassen wurde und wir uns mitten im Zeitalter der Korrelation befinden. Was heißt das?

Antes: Korrelationen werden als Brunnen der Erkenntnis verkauft, für die man Daten nur zu sammeln braucht. Das ist ein Irrweg, Daten müssen geplant genau und intelligent ausgewertet werden. Wenn ich Daten einfach laufen lasse, dann entdecke ich mehr Falsches als Richtiges. Das Rauschen wächst schneller als die richtigen Signale. Man muss Daten zielgerichtet erheben, nicht willkürlich. Durch das nachträgliche Korrelieren von blindwütig gesammelten Daten bekommt man falsche Erkenntnisse – das nennt man dann „spurious correlations“, also unechte Korrelationen. Solche falsch-positiven Ergebnisse sind eines der zentralen Probleme der empirischen Forschung und können durch den Big-Data-Ansatz über die Korrelationen zu voller Blüte gelangen.

STANDARD: In manchen Bereichen – etwa in der Klimaforschung – gibt es aber schon gute Beispiele, wo große Datenpools zu neuen Erkenntnissen geführt haben. Warum hat das funktioniert?
Antes: Es bringt dort etwas, wo ich Modelle von hoher Qualität entwickle und diese gezielt mit Daten füttere. Das erfordert Zeit und Aufwand. Wenn das gelingt, kann man beispielsweise immer besser voraussagen, wo und mit welcher Geschwindigkeit ein Hurrikan auf Land treffen wird. Damit kann man Leben retten.

STANDARD: Und das funktioniert in der Medizin nicht?

Antes: Doch, das kann auch in der Medizin funktionieren. Im Augenblick wird jedoch jede Menge falscher Hoffnung produziert, und es werden dabei völlig unterschiedliche Anwendungen durcheinandergeworfen. Die Präzisionsmedizin hat den Traum, dass sie mit der genetischen Entschlüsselung die komplette Architektur des Menschen kennt und damit auch die Schalter, mit dem sie Symptome ausschalten kann. Das funktioniert so aber nicht. Für Krankheiten gibt es nicht den einen genetischen Schalter, den man einfach umlegen kann. Es gibt eine Fülle von Faktoren, die wechselseitig miteinander agieren. Die Bioinformatik quält sich seit vielen Jahren damit herum, dort Ordnung zu schaffen. Und jetzt kommen die Heilsversprecher von Big Data und tun so, als ob das mit einem Fingerschnippen erledigt werden kann.

STANDARD: Aber ist es nicht hilfreich, Studienergebnisse mit vielen Daten aus der täglichen Anwendung abzugleichen?

Antes: Natürlich, aber das versuchen wir schon lange mit Beobachtungsstudien und guten Registern. Das hat nichts mit Big Data zu tun. Wenn ich allerdings ohne Studien gleich in den Alltag mit Daten schlechter Qualität schaue, dann bewege ich mich auf sehr dünnem Eis. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich damit systematisch Fehler mache oder sogar reproduziere. „Big Data“ produziert „Big Errors“. Der etablierte Grundsatz der Methodik für Entscheidungen in der Medizin ist, das Risiko zu kontrollieren, dass ich systematisch falsche Ergebnisse produziere. Da kann es um Menschenleben gehen.

STANDARD: Sie verwenden gerne den Begriff „Big Data Paradox“. Was meinen Sie damit?

Antes: Es gibt eine aktuelle Publikation des Wissenschafters Xiao-Li Meng von der Harvard-Universität, der dieses Phänomen theoretisch untersucht und am Beispiel der falschen Prognosen vor der Wahl von Donald Trump diskutiert. Die Vorhersage des eigenen Wahlverhaltens von 2,3 Millionen unsystematisch ausgewählten US-Wählern ist nicht besser als eine sorgfältig geplante zufällige Stichprobe mit 500 Befragten. Dass ein Mehr an Daten irreführend ist, widerspricht jeder Intuition und ist gegenüber der herrschenden Lehre tatsächlich paradox. Deswegen bezeichnet es Meng auch als das „Paradoxon von Big Data“. Fehler in den Daten, deren Natur nicht klar ist und die keine besondere Aufmerksamkeit bekommen, können sich bei „riesigen“ Datenmengen so potenzieren, dass sie zu absurden Ergebnissen führen. Big Data ist gleich Big Errors. Das ist selbst für Wissenschafter schwierig zu akzeptieren, weil es im Gegensatz zum Fundament der Statistik steht, dass mit mehr Daten alles besser wird.

STANDARD: Sind selbstlernende Algorithmen die Lösung?

Antes: Für dieses Problem nicht. Big Data hat ein sehr gutes Marketing. Die Erfolgsmeldungen über selbstlernende Systeme beziehen sich auf die Fähigkeit, Schach oder Go zu lernen. Aber welcher Patient würde mit seiner Krankheit zu einem Schachspieler gehen? Der vielgepriesene Dr. Watson von IBM ist das treffendste Negativbeispiel. Er ist 2011 mit der Ankündigung angetreten, die Krebsmedizin zu revolutionieren. Bis heute ist daraus nichts geworden. Im Gegenteil: Watson wurde von einer der renommiertesten Krebskliniken gefeuert, nachdem man dort 62 Millionen Dollar investiert hatte.

STANDARD: Sie glauben nicht an die Vision der künstlichen Intelligenz?
Antes: Das, was wir aktuell erleben, ist keine künstliche Intelligenz, sondern zu einem großen Teil künstliche Dummheit. Der Welt wird versprochen, mit Big Data in eine neue Ära einzutreten. Tatsächlich ist sie jedoch schon seit Jahren Geisel von GAFAM – Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft – und Komplizen. Ihnen beugen sich auch jene, die uns eigentlich schützen sollten, wie Ministerien, Forschungsförderungsinstitutionen und Universitäten. Hier muss etwas passieren.

STANDARD: Was muss Ihrer Ansicht nach passieren?

Antes: Es braucht in der Medizin eine Rückbesinnung auf die Patienten. Wir brauchen eine vollständige und ehrliche Gegenüberstellung von Nutzen, Risiken und Kosten. Dazu gehört auch die Bewertung der zunehmenden Entfremdung der Menschen von einer durch Digitalisierung und Kommerzialisierung bestimmten Medizin. Was wir nicht brauchen, sind die Marketingmaschinerie und die tägliche Gehirnwäsche der Big-Data-Apologeten. (Andrea Fried, CURE, 24.8.2019)

Fachbegriff: Künstliche Intelligenz

Es gibt ein Begriffspaar, das in der medizinischen Forschung meist gemeinsam auftritt: Big Data, also die Darstellung von biologischen Strukturen in digitalisierter Form, und Artificial Intelligence, so die englische Bezeichnung für künstliche Intelligenz. Viele Innovationen in der Medizin wurden erst durch die Digitalisierung möglich. Das menschliche Genom wurde nur durch Computerleistung erschlossen, so wie das Sichtbarmachen von Körperstrukturen und -organen durch bildgebende Verfahren. KI hat die Aufgabe, in Datenmassen Muster zu erkennen, um daraus Schlüsse zu ziehen, etwa Krankheiten früh zu erkennen oder aus biologischen Strukturen die Wirksamkeit einer Therapie vorhersagen zu können. Dabei bestimmt die Fragestellung immer auch das Ergebnis. Im Begriff künstliche Intelligenz spiegelt sich auch die Vorstellung, dass der Mensch eine Maschine ist. Allerdings: Der menschliche Geist und KI werden wahrscheinlich nie deckungsgleich sein.

Zur Person:

Gerd Antes (70) ist ein deutscher Mathematiker und Biometriker. Er war viele Jahre lang Leiter des deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg, Initiator des Deutschen Registers für klinische Studien und Gründungsmitglied des Netzwerkes für evidenzbasierte Medizin.

Diagnose des Tages 20191004 – Unklare Beschwerden Unterkiefer Seitenzahnbereich (Teil 1)

Die 54 jährige Patientin sucht die Praxis auf wegen unklarer Beschwerden im Unterkieferseitenzahnbereich. Zahn 36 und Zahn 37 sind überkront und Zustand nach WK/WF alio loco und dann später WF – Revision in unserer Praxis vor mehr als 10 Jahren. Zahn 35 trägt eine bereits längere Zeit vorhandene Füllung. Die Patientin vermutet Zahn 37 als Schmerzauslöser.

Der Sensibilitätstest mittels Kältespray an Zahn 35 ist eindeutig positiv. Der Klopftest an den Zähnen 35 36 37 negativ, die parodontale Untersuchten an den Zähnen zeigt keine Auffälligkeiten. Beigefügt findet sich der zur Diagnostik angefertigte Zahnfilm mit der Frage an die interessierte Kollegenschaft, wie sinnvollerweise weiter verfahren werden sollte.

Bitte nutzen Sie die Kommentar-Funktion zur Erörterung der Situation und für therapeutische Vorschläge in der Sache.

Wie es mit dem Beitrag weitergeht lesen sie bei Wurzelspitze hier.

Warum sollte ich für WURZELSPITZE Geld ausgeben ?

10 Jahre lang war WURZELSPITZE kostenlos.
Und jetzt soll ich plötzlich dafür Geld zahlen ?

10 Jahre lang haben wir unser geballtes Wissen allen Interessierten kostenlos zur Verfügung gestellt. Dass wir nun den Leser um einen Obolus bitten, hat 2 Gründe.

Zum einen die Kosten, die mit unserem Blog verbunden sind. Genauer gesagt mit den 2 Blogs, die nun von uns betrieben werden müssen, um unsere Wissenssammlung juristisch unangreifbar lesbar und von Werbung frei zu halten.

Bedeutsamer wiegt für uns jedoch der zweite Grund.
Das Arbeiten am WURZELSPITZE-Blog ist zeitintensiv und Zeit haben wir Alle tendenziell viel zu wenig.

Das Leben ist kurz.
Deshalb wollen wir sicher gehen, dass, alles, was wir schreiben, auch entsprechenden Widerhall und Würdigung findet. Und der ultimative Gradmesser diesbezüglich ist der Leser, der bereit ist, die geleistete Arbeit auch finanziell zu honorieren.

Solange sich genügend LeserInnen finden, werden wir weitermachen.
Das ist die Botschaft.

Es geht also nicht darum, mit WURZELSPITZE Geld zu verdienen.
Das wäre eine Milchmädchenrechnung, angesichts der Zeit, die im Raum steht.
2200 Beiträge bisher. Bei rund 30 Minuten pro Beitrag, die von uns aufgewendet werden müssen (moderat gezählt, oft ist die Gesamtzeit, die aufgewendet wird, eher bei 45 – 60 Minuten) und 250 Euro zu erbringenden Praxisstundenumsatz (auch hier liegen wir mit der Schätzung unter den Realbedingungen, siehe offizielle Zahlen aus der Kostenerhebung der BZÄK) ist das ein Umsatz von deutlich mehr mehr als 250.000 Euro, den wir der Lehre zuliebe haben liegen lassen.

Das WURZELSPITZE – Abo wurde daher bewußt so niedrig angesetzt, dass es sich Jeder leisten kann. Wir unterscheiden demnach auch in 3 Gruppen. StudentInnen der Zahnmedizin zahlen 2 Euro pro Monat, angestellte ZahnärztInnen 4 Euro und ZahnärztInnen in eigener Praxis 8 Euro pro Monat. Ein großer Kaffee pro Monat bei Starbucks, oder 2 bis 3 Bier in der Kneipe, dass sollte für einen Zahnarzt-Unternehmer – zumal noch als Fortbildung geltend – kein noch so kurzes Nachdenken notwendig machen.

Zumal der Gewinn für die Praxis sich durch unsere Tipps um ein Vielfaches mehr bezahlt macht. Nur ein Tipp überhaupt, den sie jemals durch WURZELSPITZE mitgenommen haben und zukünftig mitnehmen werden, macht jegliche Investition zur mehr als lohnenden Rendite für ihre Praxis. Und die diesbezüglichen Rückmeldungen von vielen KollegInnen, die wir in all der Zeit erhalten haben, zeigen uns, dass es viel mehr als nur ein einziger Tipp war.

Wir gehen also davon aus, dass Jeder, der mitlesen möchte, den seiner Kategorie entsprechenden Beitrag leistet. Und – das impliziert das Wort „Kollege“ – seine Zugangsdaten nicht weitergibt.

Wie kann ich Mitglied im zahnärztlichen Qualitätszirkel „WURZELSPITZE“ werden ?Einfach eine Email senden an Christian Danzl „nbc.danzl@t-online.de“. Alles Weitere folgt via privater Email.

Wir sind zurück !

Ein Jahr ist es jetzt her.
Der DSGVO wegen haben wir uns zurückgezogen.
Und die gewonnene Zeit genossen.
Aber irgendwie fehlt was.
Deshalb.

WURZELSPITZE ist zurück.

Geht wieder auf Sendung.
Ab dem 01.10. sind wir wieder da.

Fast täglich.
Als Lektüre zum Frühstück. Oder schon davor. Vielleicht auch danach.
Wie es Euch gefällt. Auf jeden Fall immer informativ. Kurz und prägnant. Aus der Praxis für die Praxis.

Für eine bessere Endodontie.
Für eine bessere Zahnmedizin.

Was hat sich geändert ?

Inhaltlich wenig. Schreiben werden zumeist vier von uns. Der Fünfte im Bunde kümmert sich vorrangig um die Dinge im Hintergrund. Apropos Hintergrund. Um WURZELSPITZE, wie es bisher war, weiterhin allen interessierten Kolleginnen und Kollegen zugänglich zu halten und um neue Beiträge veröffentlichen zu können, mussten wir der DSGVO Rechnung tragen. Und unseren Blog privat halten. Hier bei One Coffee Endo lesen Sie demnach nur, was offen und unverfänglich publiziert werden darf.

Alles Andere findet – wie bisher – im WURZELSPITZE Blog statt. Der Zahnärztinnen und Zahnärzten, Studentinnen und Studenten der Zahmedizin zur Verfügung steht. Nach vorheriger Anmeldung.

Genaueres zu den Modalitäten findet sich hier.